In der Nähe des Teutoburger Waldes quälen sich in Halle täglich 20.000 Autos durch die Stadt. Ebenfalls 20.000, allerdings Einwohner aus Halle in Westfalen, beklagen sich täglich über Unfallgefahren, Dreck und Lärm. Die Lösung des Problems nennt sich Umgehungsstraße oder Verlängerung der Autobahn A 33. Das aber gibt Probleme mit dem Naturschutz. Umgehungsstraße oder Autobahnverlängerung, beide würden durch ein wertvolles Naturschutzgebiet führen und eine einmalige Landschaft, in so manchem Fotobuch verewigt, zerstören.
Ein alter Eichen- und Buchenmischwald, durch den sich ein Bach schlängelt, der in einem Schilfteich hinter einer Lichtung endet und aus welchem man noch Schwarzspechte tackern hört, ist das Streitobjekt. Ein Eisvogel erschreckt die Kammmolche beim Sturzflug auf den Fischteich. Die Heldbock-Käfer leben zwischen altem herumliegenden Holz in paradiesischen Zuständen. Hier lässt sich in der Dämmerung die Bechstein-Fledermaus studieren und beobachten, eine Tierart, vom Aussterben bedroht. So etwas nennt man eine Idylle wie aus dem Fotobuch, naturnah, totholzreich, unzerschnitten und mit bedeutsamer landesweiter Artenvielfalt. Dieser 177 Hektar große Wald steht seit 2000 unter europäischem Schutz, Naturschutzgebiet ist er schon länger.
Seit Jahren köcheln in Halle die Emotionen zu diesem Thema vor sich hin, ohne das ein Ende oder Ergebnis absehbar wäre. Da werden Finanzierungsmodelle diskutiert, Trassenführungen geplant und verworfen. Einwohner, Landesregierung und Naturschützer streiten vehement über Alles. Auf der einen Seite fragt man, ob Fledermäuse mehr Rechte hätten als Einwohner. Auf der anderen Seite weist man darauf hin, dass Naturschutz immer nur dann gewünscht ist, wenn er niemanden stört. Ein Fototermin jagt den anderen, ein Fotobuch wird mit einem nächsten Fotobuch ausgestochen.
Ein Problem, welches eine rasche Lösung verhindert, kann man ohnehin nicht wegdiskutieren: EU, Bund und Länder haben Naturschutzgesetze erlassen, die neue Straßen durch solche Gebiete verbieten. Nahezu jedes Gesetz hat eine Hintertür, so auch dieses. In Ausnahmefällen dürfen dennoch Straßen gebaut werden, allerdings nur, wenn dies unvermeidbar ist. Ist es aber dummerweise nicht! Man könnte eine andere Trassenführung wählen, damit ist die Ausnahmeregelung vom Tisch. Würde man sie dennoch weiterverfolgen, könnten Naturschutzverbände vor dem Europäischen Gerichtshof klagen. Die Naturschützer schlagen eine Alternativtrasse vor, recht nah an bestehenden Wohngebieten vorbei und wesentlich teurer. Das jedoch treibt die betroffenen Anwohner auf die berühmte Palme, sie fürchten um ihre bisherige Ruhe und sind der Meinung, dass die Umgehungsstraße auch gar nicht so dringend sei. Sie weigern sich daher, die infrage kommenden Grundstücke zu verkaufen. Kein Wunder, sind diese Wohngebiete doch weit genug von der bisherigen Verkehrsführung entfernt.
Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten könnte jetzt zu einer Lösung des Problems führen. Der ausgearbeitete Kompromiss besagt, dass die Trasse nicht direkt durch den Wald führt, sondern nur am Rand schneidet. In der Nähe der Wohngebiete wird sie so tief wie möglich gelegt und durch eine Schallschutzwand begrenzt. Darüber hinaus werden begrünte Landschaftsbrücken über die Trasse gelegt, um den Tieren unproblematische Wanderungen zu ermöglichen und den Fledermäusen keine Hindernisse in den Weg zu legen. Damit wird die Autobahn wesentlich teurer als die Planungen erwarten ließen, dafür fließen jedoch weitere Fördergelder von der Europäischen Union.
Bleibt nur noch, möglichst schnell ein Fotobuch vom Naturschutzgebiet zu erstellen, in der jetzigen Form wird es nicht mehr lange bestehen.